Verschwommen sehe ich den Korridor vor mir. Eine Mischung aus dunkleren und helleren Flächen erstreckt sich in der Dunkelheit. Kurz halte ich inne und stütze mich unbeholfen an einer der helleren ab. Meine Hand nehme ich nur unscharf im Vorbeigehen wahr. Sie verschwindet aus meinem Blickfeld, als ich mich an der kalten Oberfläche abstoße, um vorwärts zu kommen. Einen Fuß vor den anderen. Gleich geschafft. Leises Gemurmel und Gekicher erklingt aus dem Raum vor mir. Noch ein paar Meter. Jemand quietscht mit einem Stuhl, als würde er unruhig auf und ab wippen. Die hellen Sonnenstrahlen, die durch den schmalen Türschlitz vor mir auf den Boden fallen, blenden mich. Meine Augen sind noch an die Dunkelheit des Korridors gewöhnt. Je näher ich dem gleißend hellen Türschlitz komme, desto lauter werden die Geräusche.

Das anfängliche Murmeln wird zu Geflüster. Drei Stimmen, die leise miteinander sprechen. Ein Lachen, das in ein aufgeregtes Quieken übergeht, wird von einem gedämpften „Psst“ erstickt. „Er schläft noch“ flüstert eine andere Stimme. Nur noch ein Schritt. Ich lege meine Hand an die Türe und stoße sie vorsichtig auf. Mein Gesicht verzieht sich wie von selbst, als es von den hellen Sonnenstrahlen getroffen wird, die durch das Fenster scheinen. Noch bevor ich den Raum in seiner Gänze wahrnehme, wird mein Körper von einem Aufprall erschüttert.

Ein Morgen mit Schlafanzügen und Ballons

Ein sehr sanfter Aufprall, trotzdem setze ich einen Fuß zurück, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, als sich zwei Arme um meinen Hals und zwei um meine Taille schlingen. Lächelnd erwidere ich die Umarmung und drücke die beiden Strubbelköpfe eng an mich. Mit einem kurzen Blick zwischen all den ungekämmten Haaren hindurch sehe ich meine Frau grinsend und noch im Schlafanzug an die Küchentheke gelehnt. „Ich hoffe doch wir haben dich nicht geweckt, du Schlafmütze“ sagt sie und lacht.

Der Strubbelkopf an meinem Bauch hüpft auf und ab. Die Bewegung wird auf meinen Arm, der den kleinen Rabauken umfasst hält, übertragen, wodurch meine linke Körperhälfte so aussieht, als würde sie unruhig herum zucken. Ab und zu landet er dabei auf meinem Fuß, aber er ist noch viel zu leicht, als dass es weh tun könnte. Ich lasse ihn los. Sofort springt er auf und schreit „Alles gute zum Vatertag!“. In die Hände klatschend hüpft er jetzt durchs ganze Zimmer. Erst da fällt mein Blick auf den üppig geschmückten Tisch: Blumen, bunte Teller, die lustige Tassen, die wir uns alle zu Ostern gekauft haben. Alles steht da auf der hölzernen Oberfläche und wird von farbenfrohen Luftschlangen ergänzt. Sogar ein mit Helium gefüllter Ballon hängt oben an der Zimmerdecke. „Der beste Dad der Welt“ steht darauf.

Freund zum Baden – bitte was?

Der zweite Strubbelkopf ist noch immer, wie ein Äffchen, an meinen Hals geklammert. Die langen, vom Schlaf noch wirren Haare meiner Tochter schaffen es immer wieder, einen Weg in meinen Mund zu finden. Mit der anderen Hand zupfe ich sie ein wenig zurecht während ich zu dem reich beladenen Tisch gehe und mich darüber beuge. In der Mitte steht auch ein Kuchen. Er ist mit wilden Linien und Punkten aus Zuckerguss verziert. Von der Türe aus war er durch den großen Blumenstrauß ganz verdeckt. Meine Aufmerksamkeit erregte aber etwas anderes. „Wir haben dir ganz viele Badefreunde gemacht“, flüstert die Stimme meiner Tochter in mein Ohr, als mein Blick zu den ulkig aussehenden Figuren wandert, die überall auf dem Tisch verteilt liegen.

Von Vater- und Umweltliebe: ein Spaß für die ganze Familie

„Dieses Jahr dachten wir, dir mal etwas Nachhaltiges zu schenken“ erklärt meine Frau und schlendert zu uns an den Tisch. „Auch wenn es wahrscheinlich nicht lange halten wird“. Verwundert betrachte ich die kleinen Figuren auf dem Tisch. Die Form der einen kann ich gut erkennen, es ist ein Elefant. Zwar mit übergroßen Ohren und sehr dünnen Beinchen, aber eindeutig ein Elefant. Für die anderen Figuren brauche ich ein bisschen und rate mehr, als dass ich mir sicher bin.

Das Ganze ufert zu einem wilden Ratespiel aus, bei dem meine Kinder höhnisch grinsend den Kopf schütteln, wenn ich eine falsche Antwort gebe, und lachend aufschreien, wenn ich richtig liege.

Welches Material sie für ihre kunstvollen Skulpturen verwendet haben wird mir sofort klar, als ich eine davon hochnehme und umdrehe. Auf der Rückseite des kleinen unförmigen Elefanten ist trotz der vielen Schnittlinien noch eine kleine Blume zu erkennen. Der Vorrat meiner RINGANA Seifen Blöcke wurde offensichtlich geplündert, um diese kleinen Kreaturen zu schnitzen. Die Seifenspäne werden mir nach erfolgreichem Abschluss des Ratespiels übergeben. Ein zusammengeklebter Klumpen, der eine leichte Ähnlichkeit mit einer Rose hat. Ich liege richtig mit meiner Vermutung und muss über den Ideenreichtum meiner Familie schmunzeln. Die Seife ist ohnehin schon umweltfreundlich – jetzt sieht sie wenigstens noch interessant aus.

Nicht einfach nur Kommerz

Oft habe ich das Gefühl, dass Feiertage wie der Vatertag eigentlich nur da sind, damit die Leute haufenweise Geschenke kaufen. Und zwar um die Wirtschaft anzukurbeln, nicht um den Vätern zu gedenken. Ich für meine Teil brauche keinen Tag, an dem ich extra gelobt werde für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Auf solche Überraschungen, wie mir meine Familie am Morgen dieses Vatertags beschert hat, möchte ich aber trotzdem nicht verzichten. Vater- oder auch Muttertage sind nicht dafür da, die Eltern nur an einem Tag mit unnötigen und teuren Geschenken zu überhäufen, um sie dann den Rest des Jahres wieder unbeachtet zu lassen. Eltern leisten jeden Tag so viel. Eine Familie wie meine, die mich das ganze Jahr zu schätzen weiß und mir explizit an diesem einen Tag eine so schöne Freude bereitet, ist das wertvollste, das man sich nur wünschen kann. Wir Väter, die von ihren Familien so geliebt werden, können uns unendlich glücklich schätzen. In diesem Sinne wünsche ich dir nicht einfach nur einen schönen Vatertag, sondern einen schönen Familientag.